Diskussion mit Architektur-Expertin Jana Eckelt und Fadime Tuncer MdL im Montmartre-Gewölbekeller in Weinheim.
Weinheim. – Was hat ein Parkplatz mit einem Kinderzimmer gemein? Warum sind dunkle Unterführungen mehr als nur ein Beleuchtungsproblem? Was brauchen Jugendliche, um sich an einem Ort wohlzufühlen? Fragen wie diese standen im Mittelpunkt eines ungewöhnlichen Abends im historischen Gewölbekeller des Montmartre in Weinheim. Unter dem Titel „Flammkuchen & Feministische Stadtplanung“ hatte der Kreisverband Neckar-Bergstraße von BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN gemeinsam mit der Landtagsabgeordneten Fadime Tuncer eingeladen – und traf damit einen Nerv.
„Mit seinen Förderprogrammen zu Städtebau und Quartiersentwicklung setzt die grün-geführte Landesregierung dabei Impulse in die richtige Richtung.“
Als Gastgeberin eröffnete Fadime Tuncer MdL die Veranstaltung mit klaren Worten. Städte seien das Ergebnis gesellschaftlicher Strukturen, von Machtverhältnissen und historischen Entwicklungen. „Für wen werden unsere Städte eigentlich geplant? Wer wird mitgedacht – und wer nicht?“, fragte sie. Feministische Stadtplanung bedeute nicht, Städte „für Frauen“ zu entwerfen, sondern Ungleichheiten sichtbar zu machen. Räume müssten so gestaltet werden, dass sie den vielfältigen Lebensrealitäten aller Menschen gerecht werden. „Mit seinen Förderprogrammen zu Städtebau und Quartiersentwicklung setzt die grün-geführte Landesregierung dabei Impulse in die richtige Richtung“, sagte Tuncer.
Die Soziologin Dorothea Meuren (links) hat schon vor 30 Jahren für eine frauengerechte Stadtplanung gekämpft.
Die Referentin des Abends, Jana Eckelt (M.A. Architektur) aus Landau, hat mit ihrer Masterarbeit aus dem Jahr 2023 das Thema auf die regionale Agenda gesetzt. In ihrem Architekturstudium in Karlsruhe und Münster habe feministische Stadtplanung kaum eine Rolle gespielt – vielleicht auch, weil nur rund acht Prozent der Professuren weiblich besetzt gewesen seien.
Eckelt skizzierte vier zentrale Aspekte von feministischer Stadtplanung: Erstens die Kritik an traditionellen Planungsansätzen, die historisch von männlichen Lebensläufen – Erwerbsarbeit, Pendeln, Autoorientierung – ausgehen. Zweitens die Frage nach Alltagsrealitäten: Wie sicher fühlen sich Menschen im öffentlichen Raum? Wie funktionieren Wege für Eltern mit Kinderwagen oder für ältere Personen? Drittens die konsequente Beteiligung der Bürgerinnen und Bürger. Und viertens das Ziel, Städte inklusiv, sicher und gerecht für alle zu gestalten, unter Einbeziehung von Alter, Herkunft, Geschlecht, Behinderung oder sozialem Status.
Architektur-Expertin Jana Eckelt hatte spannende Literatur zum Thema mitgebracht. Fotos: Team Tuncer
Erwerbsarbeit wurde lange mit gesellschaftlicher Bedeutung gleichgesetzt – und damit überwiegend männlich. Planung orientierte sich am klassischen Modell des „Normalarbeiters“, der morgens zur Arbeit pendelt und abends zurückkehrt. Männer dominierten den öffentlichen Raum, Frauen gälten als ‚Ausnahmenutzerinnen‘“, zitiert Eckelt aus ihrer Literatur. Sorgearbeit hingegen – Kinderbetreuung, Pflege von Angehörigen, Haushaltsorganisation – blieb unsichtbar, weil sie überwiegend im privaten Raum stattfand und ökonomisch nicht als gleichwertig anerkannt wurde.
Die Wege von Frauen durch die Stadt verlaufen oft nicht linear von A nach B, sondern in Wegeketten: morgens das Kind in die Kita bringen, weiter zur Arbeit, in der Mittagspause Besorgungen erledigen, nachmittags zur Apotheke, später zum Spielplatz oder zum Pflegebesuch bei Angehörigen. Diese komplexen Alltagsrouten erfordern kurze Distanzen, sichere Querungen, barrierefreie Zugänge, breite Gehwege für Kinderwagen oder Rollatoren sowie gut erreichbare Nahversorgung. Eine autozentrierte Planung mit getrennten Funktionszonen – hier Wohnen, dort Arbeiten – erschwert solche Wege erheblich.
„Wenn man eine Couch mit Parkschein auf einen Parkplatz stellt, gilt das als illegales Müllabladen.“
Zugespitzt wurde die Diskussion beim Thema Parken. Für ein Auto sind im öffentlichen Raum zwölf Quadratmeter vorgesehen – die gesetzliche Mindestgröße eines Kinderzimmers beträgt zehn Quadratmeter. „Wenn man eine Couch mit Parkschein auf einen Parkplatz stellt, gilt das als illegales Müllabladen“, sagte Eckelt. Beim Auto werde der Lagerraum hingegen staatlich subventioniert. Warum also genießt das Auto diese Selbstverständlichkeit? „Die Privilegierung des Autos spiegelt politische Prioritätensetzung und historisch gewachsene Machtverhältnisse“, so die Masterabsolventin.
Weiterer Kritikpunkt: Fehlende weibliche Erinnerungsorte. „Nur 8,3 Prozent der nach Personen benannten Straßen oder Plätze in Landau erinnern an Frauen“, berichtete Eckelt. In Weinheim seien es sogar noch viel weniger, ergänzte die Grünen-Fraktionsvorsitzende Elisabeth Kramer. Gemeinsam mit der Gleichstellungsbeauftragten der Stadt Landau setzt sich Eckelt deshalb konkret für mehr Sichtbarkeit ein. So soll an der Mahlastraße ein Zusatzschild angebracht werden, das die Bedeutung von Elisabeth Mahla als Frauenrechtlerin und Ehrenbürgerin aufführt. Solche Kontextualisierungen machen deutlich, wie Stadtgeschichte neu erzählt und weibliche Biografien stärker ins öffentliche Bewusstsein gerückt werden können.
Auch Bauvorschriften zeigen strukturelle Schieflagen: für Männer sind ein Urinal plus Sitztoilette vorgeschrieben, für Frauen nur eine Kabine. „Die Männer haben also die doppelte Anzahl an Toiletten, obwohl Frauen potentiell höheren Bedarf haben“, kritisierte die Referentin. Wickelmöglichkeiten seien oft gar nicht vorhanden.
Thema waren auch Angst- und Gefahrenorte. 60 Prozent der Frauen meiden laut Umfragen nachts bestimmte Orte, bei Männern sind es nur etwa 20 Prozent. Eckelt schilderte ein Fotoprojekt mit Frauen, die Orte dokumentierten, an denen sie sich unwohl fühlten: dunkle Unterführungen, schlecht beleuchtete Bushaltestellen, verwinkelte Parkhäuser, abgelegene Bahnhofsbereiche, lange, schmale Wege zwischen hohen Hecken, leere Einkaufsstraßen und einsame Plätze ohne soziale Kontrolle.
„Partizipation ist bei einer geschlechtergerechten Stadtplanung das A und O.“
Jeder fotografierte „Angstort“ wies konkrete bauliche oder strukturelle Mängel auf, die veränderbar wären. „Partizipation ist bei einer geschlechtergerechten Stadtplanung das A und O“, so Eckelt. Ein zentrales Instrument sei Nutzungsmischung: Wohnen, Arbeiten, Einkaufen und Freizeit nah beieinander zu organisieren, damit öffentliche Räume belebt bleiben. Das Konzept der „15-Minuten-Stadt“, wie es international diskutiert wird, greife diese Idee auf.
Beim Rundgang durch eine kleine Ausstellung mit Fotos und Informationstafeln kamen die Besucherinnen und Besucher dann intensiv ins Gespräch. Die Soziologin Dorothea Meuren erinnerte daran, dass bereits vor 40 Jahren über geschlechtergerechte Planung gesprochen worden sei, „aber die Umsetzung geht nur im Schneckentempo voran“. Architekturstudent Jakob Friedrich aus Hirschberg bestätigte, dass das Thema im Studium kaum vorkomme. Er wolle künftig weibliche Perspektiven bewusst mitdenken.
Am Ende blieb ein Satz, der im Montmartre-Keller nachhallte: „Der öffentliche Raum ist unser aller Wohnzimmer.“ Gastgeberin Fadime Tuncer betonte, dass es dafür politischen Willen brauche – und kündigte an, den Dialog in der Region fortzusetzen. Der Abend zeigte: Feministische Stadtplanung ist kein Randthema, sondern ein Schlüssel zu einer lebenswerteren Stadt für alle.